Chilli und Trompeten

Ich weiss gar nicht mehr genau, was für Erwartungen ich für meinen Schwedenaufenthalt hatte. Allerdings weiss ich mit Sicherheit, dass ich nie gedacht hätte, so viel in so kurzer Zeit zu erleben. All die Menschen, unbekannten Orte und die neue Sprache sorgen dafür, dass ich nicht selten das Gefühl habe, mein Kopf würde gleich überquellen vor lauter Eindrücken und Vokabeln. Dementsprechend schwer fiel es mir, mich für das Thema meines zweiten Blogs zu entscheiden. Ich habe nun aber beschlossen, über alle die Leute, die ich hier getroffen habe, zu schreiben, angefangen mit Hege.

Sie war die erste Person, die mir hier in Schweden begegnete. Die herzensgute Hege, meine Gastmutter. Hege ist eine kleine aber von Kopf bis Fuss mit positiver Energie gefüllte Frau, die nicht länger als fünf Minuten still sitzen kann. Entweder arbeitet sie in ihrer Zahnarztklinik in Mantorp, einem kleinen Nachbarsort von Mjölby, wo sie allen möglichen Kunden, von hysterischen alten Damen bis hin zu schmollenden Kindern, die Zähne flicken muss oder sie kocht etwas Leckeres, das allerdings manchmal so scharf ist, dass ich das Gefühl habe, meine Zunge ginge in Flammen auf. Während ich dann jeweils hechelnd am Tisch sitze, kippt sich Ehemann David seelenruhig noch eine weitere Portion Chilli über den Teller und macht sich (natürlich) über mich lustig.

Wenn sie nicht arbeitet oder kocht geht Hege spazieren zusammen mit der entzückenden Pudeldame Molly. In Heges Wortschatz bedeutet das Wort „Spazieren“ allerdings Schreiten im Joggingtempo, und natürlich reicht es ihr nicht, einfach nur durch den Wald zu latschen. Also nimmt sie stets ihr Strickzeug mit und während des Spaziergangs entsteht eine Socke, die Hälfte eines Schals oder der Kragen eines Pullovers. Stricken ist im Allgemeinen eine Art Dauerbeschäftigung von Hege und ich würde mich nicht wundern, wenn die Nadeln sogar während sie schläft weiterklapperten.

Wahrscheinlich könnte ich einen gesamten Blog nur mit Heges Hobbys füllen, aber es gibt noch so viel anderes zu erzählen, dass ich nun bloss noch auf Eines zu sprechen komme. Und zwar das Töpfern. Hinter dem Wohnhaus steht ein kleiner Schuppen. Von aussen sieht er aus wie ein typisches schwedisches Häuschen mit roten Wänden und weissen Fensterrahmen. Innen befindet sich Heges Töpferwerkstatt. Auf Regalen stehen unzählige Tassen, Schüsseln, Becher, Teller, Vasen und Töpfe. Die einen sind schon Zartrosa oder Himmelblau bemalt, andere sind immer noch von einem matten Weiss oder einem dunkleren Bronzeton und warten darauf, ihr buntes Farbengewand zu erhalten. Der riesige Brennofen ist meist ebenfalls mit unfertigem Geschirr gefüllt und neben den Töpferwerkzeugen stehen auf dem Tisch und in den Regalen an den Wänden zahlreiche kleine Zwerge und Engel herum, die auf ihren nächsten Einsatz als Weihnachtsschmuck warten. Ich habe einige meiner bisher schönsten Stunden hier in diesem Raum verbracht, allerdings habe ich bis jetzt bloss dicke Engel, wackelnde Zwerge und Mäuse ohne Schwanz zustande gebracht.

Heges Ehemann David ist genau wie Hege meist beschäftigt und betrachtet jede Sekunde, die er einfach nur sitzt und nichts tut, als Zeitverschwendung. Obwohl ich ihn schon mehrmals gefragt habe, habe ich immer noch keinen blassen Schimmer, was er genau arbeitet. Ich weiss nur, dass er jeden Tag in ein grosses Gebäude auf der anderen Seite des Bahnhofs geht, und dass seine Arbeit etwas mit Ökonomie zu tun hat. Allerdings ist sein Beruf meiner Ansicht nach auch nicht ein besonders grosser Teil von David. Ganz im Gegensatz zur Kunst. Gleich neben meinem Zimmer hat David eine kleine Malerwerkstatt, wo sich die Gemälde, grösstenteils Portraits, stapeln. Die Bilder sind meist sehr bunt und obwohl viele ein ähnliches Motiv haben, sind sie alle grundverschieden. Jeden Freitag ist das ganze Haus von Musik erfüllt und David zieht den Vorhang vor seiner Werkstatt zu, damit er dahinter ungestört neue Kunstwerke erschaffen kann. Neben dem Malen liebt David das Reden. Egal ob Diskussionen, Smalltalk oder tiefschürfende Gespräche, es gibt nichts, wofür David keine Worte fände.

Hege und David haben drei Söhne. Zwei davon, Jonathan und Jakob, sind besessen von Musik. Jakob, der Jüngste, verbringt die meiste Zeit bei seinen Grosseltern in Norrköping, aber wenn er zu Hause ist, erfreut er 24 Stunden lang das ganze Haus mit Klavier- oder Saxophonmusik.

Zugegeben, am Abend stöpselt er Kopfhörer an sein E-Piano und die Melodien verstummen. Allerdings werden sie durch das Geräusch einer Elefantenherde ersetzt, die versucht den Weltrekord im Hundertmeterlauf aufzustellen.

Jonathan, der mittlere Sohn, studiert in Stockholm Jazz Trompete. Falls er mal zu Hause ist, merkt man das sehr schnell daran, dass man, kaum tritt man durch die Tür, auf die Nase fällt. Jonathan ist der Chaot der Familie und lässt seine Schuhe stets direkt bei der Tür stehen, was jemand, der gerade reinkommt, natürlich nicht erwartet. Ausserdem muss er seine verschiedenen Muskeln im Mundbereich trainieren und dabei entstehen äusserst ungewöhnliche Laute.

Der Älteste der drei, Sebastian, wohnt momentan in Rom, wo er das warme, sonnige Wetter geniesst. Er studiert dort irgendwas, das mit Wirtschaft zu tun hat. Mein Hirn scheint in diesem Bereich einfach unfähig zu sein, denn auch bei ihm habe ich keinen blassen Schimmer, was er nun genau damit machen kann.

Neben der Familie Stribrny, die mich so warmherzig bei sich aufgenommen hat, gäbe es da natürlich noch Tina, Heges beste Freundin, Ingegerd, meine Schwedisch Lehrerin, und noch zahlreiche andere Personen, die in meinem Leben hier in Schweden eine Rolle spielen. Doch mit den wenigen Zeichen, die mir für diesen Blog noch bleiben, könnte ich ihnen nicht gerecht werden. Darum werde ich das nächste Mal von ihnen erzählen.

Bis dahin euch allen eine gute Zeit! Har det bra!

Vi ses!

17.1.17 20:11

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Papé (19.1.17 12:23)
Gut, dass du deine Erwartungen vergessen hast. So kannst du alles unbeschwert auf dich zukommen lassen. Ein verheißungsvoller Gegensatz zu dem, was du in deiner Schulzeit gelebt hast. Einfach geniessen! Herzlich, dein Papé

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