Ab in den... Norden!

Endlich habe ich es geschafft! Wochenlang hatte ich vor Aufregung zittrige Knie, lag nachts stundenlang wach und tausend Fragen schwirrten ununterbrochen in meinem Kopf herum. Würde ich die Sprache lernen? Würde meine Gastfamilie so nett sein, wie alle behaupten? Und das Wichtigste: Würde ich dort glücklich sein? Oder schon nach einer Woche vor Heimweh eingehen? Das Beunruhigendste war jedoch die Tatsache, dass es nur einen Weg gab, Antworten auf diese Fragen zu bekommen? Ich musste es einfach wagen, ich musste zum ersten Mal allein in ein Land reisen, das ich bisher kaum kannte und dessen Sprache ich nicht konnte. Ich musste mich trauen, den Sprung ins kalte Wasser zu machen. Und jetzt sitze ich hier. In meinem kleinen aber sehr gemütlichen Zimmer unter dem Dach. In einem Haus in Mjölby, einer kleinen Stadt in Schweden südwestlich von Stockholm, und schreibe diesen Blog, um alle, die es interessiert, an meinem Schwedenabenteuer teilhaben zu lassen. Ein kleines Abenteuer für sich war bereits meine Anreise.

Ich flog mit der schwedischen Fluglinie SAS, die übrigens sehr zu empfehlen ist. Zum ersten Mal konnte ich in einem Flugzeug einigermassen meine Beine strecken, ohne dem Passagier vor mir meine Knie in den Rücken zu rammen. Zwar bekommt man nichts zu essen, aber wenn man an die kalten wabbligen Sandwiches oder die übersüssten klebrigen Kuchen denkt, die man in Flugzeugen serviert bekommt, ist das kein grosses Opfer. Es verlief also alles ziemlich glatt inklusive der Zugfahrt mit dem Arlanda Express zum stockholmer Hauptbahnhof. Dort traten dann jedoch erste Schwierigkeiten auf, als ich versuchte, mein Gepäck in einem der Bahnhofspints unterzubringen, deren System komplizierter war als gedacht. Ich verschloss versehentlich mindestens fünf der Dinger, ohne etwas hineingetan zu haben, (na ja, besser als umgekehrt) bis mir schliesslich ein netter blonder Bahnhofsangestellter zu Hilfe kam. Meine Gastmutter traf ich erst am Abend, ich hatte also genug Zeit, um mir anschliessend ein bisschen die Stadt anzuschauen. Ich wollte mir unbegingt Gamla stan ansehen, die Altstadt von Stockkholm. Dahin musste ich eine Station mit der Metro fahren und das sollte die mit Abstand grösste Herausforderun des Tages werden! Will man sich ein möglichst realistisches Bild einer stockholmer Metrostation machen, stellt man sich am besten einen riesigen Ameisenhaufen vor. Tausende Ameisen rennen geschäftig in verschiedene Richtungen aneinander vorbei. Alles was sich ihnen in den Weg stellt, zum Beispiel eine neue, hilflose Touristenameise, wird beiseitegestossen oder ganz einfach über den Haufen gerannt. Die vielen verschiedenen Gänge sind zwar beschriftet, allerdings nur in einer der Touristenameise unbekannten Sprache. Alle Auskunftsameisen sind damit beschäftigt anderen Touristenameisen zu helfen oder Kaffee zu trinken und erwischt man doch mal eine, kann man genau eine Frage stellen, bevor man erneut allein in der Ameisenmenge steht und einem nichts anderes übrig bleibt, als sich in eine Ecke zu retten, und zu versuchen, mit verzweifelten Blicken das Mitgefühl einer nicht ganz so beschäftigten einheimischen Ameise zu erregen.

Irgendwann, ich weiss beim besten Willen nicht mehr wie, kam ich aber trotz der Ameisenhaufenverhältnisse nach Gamla stan. Und hinterher kann ich nur sagen, der Stress hat sich gelohnt! Gamla stan besitzt diesen natürlichen, altmodischen Charme, den viele ältere Orte besitzen. Die schmalen Gassen und mit Steinen gepflasterten Strassen werden meist beidseitig von teilweise etwas abgenutzt wirkenden Häusern gesäumt. Bei einigen blättert die Farbe ab oder die Fensterläden hängen leicht schief in ihren Angeln. Es war bereits dunkel und es goss wie aus Kübeln, sodass eine geheimnisvolle, teilweise fast unheimliche Stimmung herrschte. Wegen dem starken Regeln hielten sich die meisten Leute drinnen auf. Allerdings wurde die Stimmung von den hellen Schaufenstern der zahlreichen kleinen Krämerläden aufgehellt. In vielen davon hatten die Weinachtssterne, Lichterketten, Wichtel, Kobolde, winzige Nikolause oder sogar kleine Weihnachtsbäume bereits die Übermacht. Die Schweden sind im Bezug auf Weinachtsdekoration im November schon sehr viel fortgeschrittener als die Schweizer. Allerdings stehen in den Fenstern neben den Adventskränzen mit vier Kerzen, stehts noch sieben weitere Kerzen nebeneinander aufgereiht. Ich habe noch nicht herausgefunden, was das für ein Brauch ist. Ausserdem backen die Schweden in der Vorweihnachtszeit aller möglichen Leckereien mit Safran. Ein Beispiel, das ich nun schon öfter gegessen habe und das wirklich sehr lecker schmeckt, sind Lussekatter. Ich werde unten noch das Rezept dafür anfügen, falls ihr Lust habt, selber ein echtes schwedisches Weihnachtsgebäck zu probieren.

Es gibt zwei Kirchen in Gamlastan,  Storkyrkan (Nikolai Kirche) und Tyska kirkan (deutsche Kirche). Leider waren beide geschlossen, sodass ich sie nur von aussen ansehen konnte. Da es wie bereits erwähnt schon dunkel war und durch den Regen kaum eine Menschenseele draussen unterwegs war, hätte es einem nicht überrascht, hätte man plötzlich den heiligen Nikolai oder die heilige Gertrud von Sivilles als Gespenster hinter den Fenstern umherwandern gesehen. Ich sah mir noch die Statue des heiligen Georgs mit dem Drachen an (leider nur die Kopie, die echte befindet sich im Innern von Storkyrkan), bevor ich am Schluss meiner kleinen Erkundungstour zum Riddarfjärden gelangte. Hier war es beinahe ganz still. Die einzigen Geräusche waren das stetige Wispern des Regens, das leise Platschen der pechschwarzen Wellen, wenn sie das Ufer erreichten, und das Rauschen der etwas weiter weg liegenden Autostrasse hinter mir. Am anderen Ufer mir gegenüber leuchteten scheinbar unendlich viele Lichter von Fenstern, Strassenlaternen oder Fahrzeugen. Auch dieser Ort hatte etwas gespenstisches an sich. Gerade das tief scharze Wasser erweckte den Eindruck, als könnte jeden Augenblick irgendein Ungeheuer aus der Tiefe durch die Wasseroberfläche brechen und Gamla stan mitsamt den vielen Lichtern verschlucken. Trotzdem spürte ich plötzlich, wie sich eine tiefe Ruhe in mir breit machte, die alle Ängste vor dem, was in den nächsten Tagen alles passieren oder nicht passieren könnte, unter sich begrub. Sie fielen einfach von mir ab und wurden dann vom Regen weggespült, bis ich nur noch Vorfreude verspürte, auf alles, was ich hier erleben würde.

 

So, das war mein erster Blogeintrag über meinen Aufenthalt in Schweden. Ich hoffe, er hat euch gefallen und ihr schaut wiedermal vorbei!

Bis bald. Hej då!

Hier noch das Rezept für die Lussekatter:

50 g Butter/Margarine

150 ml lauwarme Milch

25 g Hefe

300 g Mehl

50 g Zucker

2 Eier

1 Msp. Safran

Rosinen

Die Butter/Margarine mit der lauwarmen Milch vermischen, die Hefe darin auflösen und danach Mehl, Zucker, ein Ei, Safran und Salz dazu geben. Das ganze zu einem geschmeidigen Teig kneten und diesen aufgehen lassen. Den Teig danach in 24 Stücke schneiden und daraus die Lussekatter formen. (umgekehrte S, die Enden werden eingedreht und es kommt je eine Rosine drauf) Jetzt muss man die Lussekatter nur noch mit Eigelb bepinseln und dann bei 250°C ca. 15 Minuten backen.

 

 

 

 

27.11.16 17:33

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