Svensk Tenn und Kofferdamduk

Diejenigen, die meinen letzten Blog gelesen haben, wissen bereits, dass sich meine derzeitigen Einträge um die Personen drehen, die ich bisher in Schweden begegnet getroffen habe. Natürlich waren nicht alle nett und freundlich, doch ich will meine Zeit nicht damit verschwenden, nach Worten für diese Idioten zu suchen. Stattdessen werde ich euch nur von Leuten erzählen, die es meiner Meinung nach verdient haben.

Eine dieser Personen ist Ingegerd Moneus, eine ältere, äusserst reizende Lady. Besser kann man sie eigentlich nicht beschreiben, denn sie ist schlicht und einfach eine Lady. Sie arbeitete als Deutsch- und Englischlehrerin in einem Gymnasium. Sie begann auch kurz Französisch zu studieren, allerdings hat ihr diese Sprache nicht wirklich zugesprochen, was ihr bei mir weitere Sympathiepunkte einbringt. Meiner Meinung nach, könnte sie mit ihrem Wissen auch noch den Doktor in Geschichte machen. Ich kann die vielen kleinen Geschichten, die stets mit Informationen gespickt sind, schon gar nicht mehr zählen.

Kurz gesagt, sie ist unglaublich klug und gebildet. Ausserdem wohnte sie an vielen verschiedenen Orten in Schweden, zum Beispiel in Uppsala oder in Gamla stan, der Altstadt von Stockholm, so dass sie viel herumgekommen und daher auch viel gesehen hat. Von ihrer Zeit in Gamla stan kennt sie einige wichtige, ja fast berühmte Leute, zum Beispiel den Designer des ABBA Logos oder einen Priester, der bei der Trauung von Kronprinzessin Victoria und ihrem Daniel dabei war.

Nach all dem könnte man meinen, Ingegerd sei eine von diesen überheblichen Damen, die immer noch die Sitten von damals in den Himmel heben und jegliche neuen Entwicklungen mit gerümpfter Nase und einem mitleidigen Seufzen betrachten. Jedoch ist das Gegenteil der Fall. Ich habe noch nie eine Frau in ihrem Alter getroffen, die gegenüber der Jugend von heute und deren Vorlieben eine so positive und offene Einstellung hat. (Mit Ausnahme meiner heissgeliebten Grossmütter natürlich)  Man kann mit Lady Ingegerd einen ganzen Nachmittag lang den Musikkanal im Fernsehen angucken und über alte und neue Lieder lästern, in ihnen schwelgen oder sich über sie kaputt lachen. Sie will stets genau wissen, was momentan aktuell ist, wer in und wer out ist, welche Bücher gelesen werden, was für Filme ins Kino kommen oder was der neueste Schrei in der Designerwelt ist. Allerdings weiss sie in diesem Bereich meist mehr als ich und so hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas über schwedische Designerlabel, wie zum Beispiel Svensk Tenn.

Demnächst will Ingegerd sogar das Buch Fifty Shades of Grey lesen und ich denke, diese Tatsache, sagt mehr als tausend Worte. Ich habe das Glück, Ingegerd als meine private Schwedisch-Lehrerin zu haben und ich freue mich jetzt schon auf jede weitere Stunde, die ich mit ihr  verbringen werde.

Eine andere äusserordentlich nette Bekanntschaft, die ich hier gemacht habe, ist der Zahnarzt Tibor Bakai. Hege meine Gastmutter arbeitet, wie ihr ja bereits wisst, ebenfalls als Zahnärztin und Tibor ist ein Bekannter von ihr, daher konnte sie mir einen Job in seiner Praxis als Tandsköterska  vermitteln. (zu Deutsch, Zahnarztassistentin?) Tibor spricht perfekt Schwedisch, seine Muttersprache ist jedoch Ungarisch. Er ist ein dünner, energiegeladener Mann, der mich von Anfang an freundlich bei sich aufgenommen hat, mir alles mit Engelsgeduld erklärt und sich jedes Mal freut, wenn ich etwas richtig mache. An dieser Stelle muss ich hinzufügen, dass ich angefangen habe bei Tibor zu arbeiten, kurz nachdem ich in Schweden angekommen bin. Ich verstand also erst mal nur Bahnhof und stand 90 Prozent meiner Zeit in seiner Praxis hilflos herum, und versuchte nichts kaputt zu machen. Trotzdem verlor Tibor nie die Geduld mit mir. Er blieb stets fröhlich und gut gelaunt und pfeift seinen Kunden regelmässig Lieder wie „Hej Pippi Langstrumpf“ oder „Barbiegirl“ vor, während er sie behandelt.

Dank der Arbeit bei Tibor waren meine ersten Worte auf Schwedisch Bedövnigssprüta, Matrisband oder Kofferdamduk, Worte, mit denen man unglaublich gut angeben kann, mit denen es aber schwierig ist, eine normale Unterhaltung zu führen.

Mittlerweile klappt es aber zum Glück sowohl mit der schwedischen Sprache als auch mit meinen Aufgaben als Tandsköterska immer besser und ich erhielt sogar bereits die Ehre, während der Behandlungen die Spucke der Patienten abzusaugen.

Neben mir gibt es noch zwei weitere Frauen, die bei Tibor arbeiten. Die eine heisst Ingegerd und ist Zahnhygienikerin. Eigentlich hätte sie bereits in Pension gehen können, aber sie weigert sich standhaft, mit dem Arbeiten aufzuhören und steht immer treu an Tibors Seite neben dem Behandlungsstuhl. Hin und wieder hat sie sogar noch eigene Patienten.  Die andere heisst Inger, die Schweden haben manchmal etwas Mühe bei der Namensgebung, und sie ist im Gegensatz zu mir eine ausgebildete Tandsköterska mit jahrelanger Erfahrung. Sie wird demnächst Oma und schon jetzt ist ihr Enkel oder ihre Enkelin eines der wichtigsten Gesprächsthemen in der Mittagspause. Beide sind wie Tibor sehr sympathisch und haben mich mit offenen Armen bei sich aufgenommen. Wir haben stets viel zu lachen in der kleinen Praxis und ich bin sehr froh, diese Arbeit bei so netten Leuten gefunden zu haben.

 

Damit wäre ich wieder mal am Ende eines Blogeintrags. Ich hoffe, ihr habt Spass beim Lesen und schaut wieder mal vorbei!

Bis dahin alles Gute, Hej då!

2 Kommentare 19.2.17 21:54, kommentieren

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Chilli und Trompeten

Ich weiss gar nicht mehr genau, was für Erwartungen ich für meinen Schwedenaufenthalt hatte. Allerdings weiss ich mit Sicherheit, dass ich nie gedacht hätte, so viel in so kurzer Zeit zu erleben. All die Menschen, unbekannten Orte und die neue Sprache sorgen dafür, dass ich nicht selten das Gefühl habe, mein Kopf würde gleich überquellen vor lauter Eindrücken und Vokabeln. Dementsprechend schwer fiel es mir, mich für das Thema meines zweiten Blogs zu entscheiden. Ich habe nun aber beschlossen, über alle die Leute, die ich hier getroffen habe, zu schreiben, angefangen mit Hege.

Sie war die erste Person, die mir hier in Schweden begegnete. Die herzensgute Hege, meine Gastmutter. Hege ist eine kleine aber von Kopf bis Fuss mit positiver Energie gefüllte Frau, die nicht länger als fünf Minuten still sitzen kann. Entweder arbeitet sie in ihrer Zahnarztklinik in Mantorp, einem kleinen Nachbarsort von Mjölby, wo sie allen möglichen Kunden, von hysterischen alten Damen bis hin zu schmollenden Kindern, die Zähne flicken muss oder sie kocht etwas Leckeres, das allerdings manchmal so scharf ist, dass ich das Gefühl habe, meine Zunge ginge in Flammen auf. Während ich dann jeweils hechelnd am Tisch sitze, kippt sich Ehemann David seelenruhig noch eine weitere Portion Chilli über den Teller und macht sich (natürlich) über mich lustig.

Wenn sie nicht arbeitet oder kocht geht Hege spazieren zusammen mit der entzückenden Pudeldame Molly. In Heges Wortschatz bedeutet das Wort „Spazieren“ allerdings Schreiten im Joggingtempo, und natürlich reicht es ihr nicht, einfach nur durch den Wald zu latschen. Also nimmt sie stets ihr Strickzeug mit und während des Spaziergangs entsteht eine Socke, die Hälfte eines Schals oder der Kragen eines Pullovers. Stricken ist im Allgemeinen eine Art Dauerbeschäftigung von Hege und ich würde mich nicht wundern, wenn die Nadeln sogar während sie schläft weiterklapperten.

Wahrscheinlich könnte ich einen gesamten Blog nur mit Heges Hobbys füllen, aber es gibt noch so viel anderes zu erzählen, dass ich nun bloss noch auf Eines zu sprechen komme. Und zwar das Töpfern. Hinter dem Wohnhaus steht ein kleiner Schuppen. Von aussen sieht er aus wie ein typisches schwedisches Häuschen mit roten Wänden und weissen Fensterrahmen. Innen befindet sich Heges Töpferwerkstatt. Auf Regalen stehen unzählige Tassen, Schüsseln, Becher, Teller, Vasen und Töpfe. Die einen sind schon Zartrosa oder Himmelblau bemalt, andere sind immer noch von einem matten Weiss oder einem dunkleren Bronzeton und warten darauf, ihr buntes Farbengewand zu erhalten. Der riesige Brennofen ist meist ebenfalls mit unfertigem Geschirr gefüllt und neben den Töpferwerkzeugen stehen auf dem Tisch und in den Regalen an den Wänden zahlreiche kleine Zwerge und Engel herum, die auf ihren nächsten Einsatz als Weihnachtsschmuck warten. Ich habe einige meiner bisher schönsten Stunden hier in diesem Raum verbracht, allerdings habe ich bis jetzt bloss dicke Engel, wackelnde Zwerge und Mäuse ohne Schwanz zustande gebracht.

Heges Ehemann David ist genau wie Hege meist beschäftigt und betrachtet jede Sekunde, die er einfach nur sitzt und nichts tut, als Zeitverschwendung. Obwohl ich ihn schon mehrmals gefragt habe, habe ich immer noch keinen blassen Schimmer, was er genau arbeitet. Ich weiss nur, dass er jeden Tag in ein grosses Gebäude auf der anderen Seite des Bahnhofs geht, und dass seine Arbeit etwas mit Ökonomie zu tun hat. Allerdings ist sein Beruf meiner Ansicht nach auch nicht ein besonders grosser Teil von David. Ganz im Gegensatz zur Kunst. Gleich neben meinem Zimmer hat David eine kleine Malerwerkstatt, wo sich die Gemälde, grösstenteils Portraits, stapeln. Die Bilder sind meist sehr bunt und obwohl viele ein ähnliches Motiv haben, sind sie alle grundverschieden. Jeden Freitag ist das ganze Haus von Musik erfüllt und David zieht den Vorhang vor seiner Werkstatt zu, damit er dahinter ungestört neue Kunstwerke erschaffen kann. Neben dem Malen liebt David das Reden. Egal ob Diskussionen, Smalltalk oder tiefschürfende Gespräche, es gibt nichts, wofür David keine Worte fände.

Hege und David haben drei Söhne. Zwei davon, Jonathan und Jakob, sind besessen von Musik. Jakob, der Jüngste, verbringt die meiste Zeit bei seinen Grosseltern in Norrköping, aber wenn er zu Hause ist, erfreut er 24 Stunden lang das ganze Haus mit Klavier- oder Saxophonmusik.

Zugegeben, am Abend stöpselt er Kopfhörer an sein E-Piano und die Melodien verstummen. Allerdings werden sie durch das Geräusch einer Elefantenherde ersetzt, die versucht den Weltrekord im Hundertmeterlauf aufzustellen.

Jonathan, der mittlere Sohn, studiert in Stockholm Jazz Trompete. Falls er mal zu Hause ist, merkt man das sehr schnell daran, dass man, kaum tritt man durch die Tür, auf die Nase fällt. Jonathan ist der Chaot der Familie und lässt seine Schuhe stets direkt bei der Tür stehen, was jemand, der gerade reinkommt, natürlich nicht erwartet. Ausserdem muss er seine verschiedenen Muskeln im Mundbereich trainieren und dabei entstehen äusserst ungewöhnliche Laute.

Der Älteste der drei, Sebastian, wohnt momentan in Rom, wo er das warme, sonnige Wetter geniesst. Er studiert dort irgendwas, das mit Wirtschaft zu tun hat. Mein Hirn scheint in diesem Bereich einfach unfähig zu sein, denn auch bei ihm habe ich keinen blassen Schimmer, was er nun genau damit machen kann.

Neben der Familie Stribrny, die mich so warmherzig bei sich aufgenommen hat, gäbe es da natürlich noch Tina, Heges beste Freundin, Ingegerd, meine Schwedisch Lehrerin, und noch zahlreiche andere Personen, die in meinem Leben hier in Schweden eine Rolle spielen. Doch mit den wenigen Zeichen, die mir für diesen Blog noch bleiben, könnte ich ihnen nicht gerecht werden. Darum werde ich das nächste Mal von ihnen erzählen.

Bis dahin euch allen eine gute Zeit! Har det bra!

Vi ses!

1 Kommentar 17.1.17 20:11, kommentieren